früher morgen, kurz vor sieben.
die sonne strengt sich an, mit warmen goldenen strahlen die leichte, flauschige wolkendecke in die ecke zu schicken und ich stehe noch etwas steif an der tramhaltestellen
warte. den kaffeeduft noch in der nase.
der sand aus den augen knirscht zwischen den zähnen, die trockene zunge klebt am gaumen und ich muss jeden schritt von neuem koordinieren, automatismen und reflexe liegen noch im bett und kommen erst im laufe des tages nach.
zu spät, aber zuverlässig.
wie mein tram, dass da endlich charmant klappernd und scheppernd um die ecke gerasselt kommt und sich mit blitzen von seinem stromabnehmer wichtiger macht, als es eigentlich wäre.
mit dem vetrauten ächzen alten eisens bleibt es vor mir stehen und ein paar sanfte weisse rauchwölkchen steigen von den gleisen auf, hüllen den boden in ein weiches nebelmeer, dem ich in das innere der bahn entsteige.
ich habe einen stammplatz, der dritte sitz von vorne links. und wie immer ist er besetzt.
ich muss mir also einen anderen platz suchen und entgegen meinen gewohnheiten, sitze ich heute auch entgegen der fahrtrichtung, weshalb ich den gesamten wagen im blick, statt wie üblich im rücken habe.
zum ersten mal fällt mir ausserdem auch dieses schild auf:
„bitte nicht auf den boden spucken!“, und ich schlucke die sandige pappe in meinem mund folgsam, aber etwas widerwillig runter. es kratzt im hals.
mit einem klingeln setzt sich das tram langsam ratternd in bewegung, es erinnert in diesem moment vor allem an einen dieser kleinen tante emma-läden, die in kinderzimmern stehen, und wo der hans seinem kleinen bruder keine 1.50 für den zucker bezahlen will, sondern ihm stattdessen eins aufs maul haut und sich den zucker direkt an der quelle, nämlich bei mama holt.
denn die hat sowieso mehr davon und obendrein noch gratis, und so machen beide ihre ersten erfahrungen mit dem kapitalismus 1.0.
wie das tram an fahrt gewinnt lasse ich meinen blick nach hinten durch den wagen wandern, im eleganten slalom um ausnahmslos graue menschen mit grauen gesichtern und finsteren mienen.
verdutzt stelle ich ausserdem fest, dass sich das hintere ende der bahn offenbar gar nicht in bewegung gestetzt zu haben scheint, weshalb der wagen immer länger wird und sich vor mir ein stetig tiefer werdender korridor mit einer wachsenden armee grauer, regungsloser, im besten falle leicht mit der zeitung raschelnder gestalten auftut, dessen ende schon gar nicht mehr zu erkennen im dunkel verschwindet.
ich bekomme es ein wenig mit der panik zu tun, bleibe aber dennoch gefasst.
ist das immer so?
oder sind die nur grau, wenn ich hinsehe?
was spielte sich da bisher hinter meinem rücken wirklich ab?
ich versuche mich mit einem blick aus dem fenster abzulenken und entdecke darin plötzlich die spiegelung meines eigenen antlitzes:
düster, ein wenig böse, ernst, missmutig. mundwinkel tiefer als aktienkurse, augen überschattet und klein wie die hoffnung auf einen wiederanstieg derselben.
der zusammenhang ist offensichtlich und schiesst mir mit einem weiteren blitz vom stromabnehmer in den kopf:
wie sollen denn all diese leute hier auch anders als miesepetrig drauf sein, wenn ich hier vorne hocke mit einem gesicht wie nach einem herzhaften biss in eine unreife zitrone?
direkt mir gegenüber sitzt eine frau ende 20, schönes gesicht, süsse nase, weiche lippen, ausdruckslose dunkle augen.
die rötlich schimmernden haare zu einem strengen knoten hinter ihrem kopf zusammengezwirbelt, enges graues jacket, kurzer schwarzer rock.
mir wird sofort klar, dass da handlungsbedarf besteht. ich glätte die falten auf meiner stirn, hebe die augenbrauen, lächle sie an.
keine reaktion.
doch. sie dreht sich weg.
jetzt bloss nicht aufgeben. sie schaut wieder her, ich zwinkere ihr zu. lächle.
langsam beginnen ihre mundwinkel sanft zu beben und mit einem leichten „blob“ springen ihre lippen in ein lächeln, ihr augen leuchten, ich strahle sie an und mit einem gewaltigen knall fliegen ihr die knöpfe vom jacket, es fällt zu boden und darunter kommen wohlgeformte, straffe brüste in einem neonpink leuchtenden bh zum vorschein, an dessen runden spitzen je ein cocktailschirmchen aufspringt.
ich bin nur kurz geblendet, die restlichen passagiere fallen nun wie dominosteine, reissen sich in bester laune die kleider vom leib, fallen in greller unterwäsche übereinander her und gerade wie die dame auf mich draufspringt, sehe ich rasend schnell das ende des trams von hinten nahen. gnadenlos frisst es all die grauen figuren, die von dem genauso plötzlichen, wie unerklärlichen stimmungswandel unbeeindruckt blieben und kaum hat der wagen wieder seinen normlänge erreicht, bleibt das tram auch schon stehen.
die dame fällt von meinem schoss und zerbricht dabei eines ihrer schirmchen.
ich stehe auf, ziehe kurz den hut und steige aus, meine haltestelle.
draussen knöpfe ich mir die hose zu, richte mein hemd und ohne genau zu wissen, was denn nun eigentlich gerade passiert sei, bin ich mir doch ziemlich sicher, mich gerade als retter des morgens und somit held des alltags für alle jene leute im tram verdient gemacht zu haben.
mit stolz geschwellter brust schaue ich den verschwindenden waggons nach, in denen es unmittelbar nach meinem aussteigen sofort zu regnen begonnen hat, und gehe pfeifend meiner wege in die aufgehende sonne.
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2 Kommentare:
Sehr schön, dass es noch Leute gibt, die gegen die Alltagsmonotonie kämpfen.
ich nehm ja meine verantwortung schon auch wahr und so
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