sonntag abend, kurz nach sechs uhr.
ich sitze im zug aufs land, soeben ist dieser leise quietschend, zischend und in der ihm eigenen art furzend angerollt und schiebt sich immer schneller werdend unter dem kopfbau hindurch aus dem bahnhof in die blaue dunkelheit des tristen vorabends hinaus.
der sonntagabendblues meldet sich mit einem glockenschlag in die emotionale leistengegend, der den wagen erzittern lässt, ich spüre einen druck auf der brust und langsam beginnt sich ein wenig feuchtigkeit in meinen augen zu sammeln.
obwohl mein blick der lok um meilen voraus ist, ist schwer zu übersehen, dass mich die dame im abteil schräg gegenüber kritisch beäugt.
ja man sollte derlei in der öffentlichkeit besser zurückhalten als mann, man wirkt pathetisch, sensibel oder besten falls unglaublich tiefsinnig, für meinen teil wär ich jetzt aber am liebsten einfach besoffen, wenn ich denn wählen könnte.
ich hab ihn grosszügig ignoriert, als er vorhin auf den platz mir gegenüber gezeigt und mit leicht quäkender stimme gefragt hat, ob da "noch frei" sei, doch jetzt bringt mich dieser wohl knapp zehnjährige junge, der da mit seiner mama entgegen der fahrtrichtung sitzt und mich anglotzt auf andere gedanken.
es wäre allenfalls eine sanfte übertreibung, wenn ich sein gesicht als eines der hässlichsten kindergesichter des ausgehenden nullerjahrzents bezeichnen würde, unter dem dunkelblonden, leicht rötlichen haarschopf sitzen zwei kreisrunde, grosse und dennoch leicht dämmrige augen, dazwischen eine schweinchenase, die wohl unaufhörlich grippeviren produziert.
zwei füllige wangen umschliessen schliessliche einen stets halboffenen mund, der eine gewaltige lücke zwischen den zwei grossen, etwas vorstehenden vorderzähnen offenbart und damit einen grenzdebilen gesamteindruck unterstreicht, der ausserhalb von bilderbüchern eigentlich kaum zu vermuten wäre.
ein grausamer anblick.
vielleicht denkt er genau das über mich, wahrscheinlicher ist aber, dass er gar nicht denkt. er schaut mich einfach bloss an, mit diesen grossen, dümmlichen augen, sein blick scheint mich gleichzeitig zu durchdringen und gar nicht bis zu mir zu gelangen, er trifft mich auf jeden fall nicht, aber die einfalt, die er gebündelt in den ganzen wagen ausstrahlt, die tut mir nicht nur weh, sondern auch ein wenig leid. ich widme ihr ein tränchen, dass mir über die wange rollt und vom kinn auf die hose tropft.
ich schau ihn wieder an, müsste ich ihn taufen, lediglich mein respekt vor der lebenden kreatur könnte bewirken, dass ich ihm den vornamen "blödian" nur an zweiter, denn an eigentlich notwendiger erster stelle gäbe, ich müsste allerdings darauf bestehen, dass der als b. in seinem alltäglichen namen auftauchen würde.
dass seine liebende mama ihm einen andern namen gegeben hat, versteht sich von selbst, "bisch müed spätzli?" fährt sie ihm durchs haar und er beginnt in der weissen plastiktüte auf ihrem schoss zu nuscheln, fischt ein in folie eingeschweisstes, schwarzes pappschächtelchen heraus.
mama nimmts ihm aus den fingern und öffnets langsam und etwas ungeschickt, worauf er seine ganze aufmerksamkeit auf das daraus erscheinenden iphone zu richten beginnt, beide betasten es mit etwas klammen fingern und geben leise eigenartige geräusche von sich.
ich fühl mich frei für einen kurzen moment, doch plötzlich erinnert mich diese szenerie erschreckend klar an den anfang von 2001 und mir wird schlagartig bewusst, wer nun auf einmal in diesem abteil die rolle des stinkenden, missmutigen und kratzbürstigen affenmannauslaufmodels besetzen würde und wer dagegen den knochen der überlegenheit des 21. jahrhunderts in seinen tappigen händen hält. ist meine zeit gekommen?
der zug rollt davon gänzlich unbeeindruckt durch die endlos scheinende dunkelheit, er hört auf den namen flirt, doch zum glück kann er nicht sprechen.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

1 Kommentare:
wie immer: eine freude zu lesen
Kommentar veröffentlichen